CornwellCornwell, J., Pius XII. Der Papst, der geschwiegen hat (München 1999).
Mit diesem Beitrag hat der britische Historiker John Cornwell die Debatte um Pius XII. enorm verschärft. Im englischen Originaltitel bezeichnet er Pius XII. explizit als "Hitlers Papst". Der Papst habe, so Cornwell, zur Judenvernichtung unter keinen Umständen schweigen dürfen.
Cornwell führt dabei im wesentlichen zwei Gründe für das Verhalten des Papstes an: 1. die antikommunistische Einstellung des Vatikan. Man habe das Deutsche Reich in seinem Kampf gegen das kommunistische Russland nicht schwächen wollen. 2. die persönliche antisemitische Einstellung Pius' XII. Letztere versucht Cornwell mit zwei recht zweifelhaften Episoden aus der Zeit des Nuntius Pacelli in München zu belegen. Dieser Teil des Buches überzeugt wenig.
Insgesamt lassen Argumentation und Schlußfolgerungen lassen zuweilen eine gewisse Einseitigkeit vermuten. Im Zweifelsfall entscheidet Cornwell stets zu Ungunsten des Papstes. Das Buch stellt einen Höhepunkt in der Polemik gegen Pius XII. dar und trug mit dazu bei, die Debatte erneut zu verschärfen.
GodmanGodman, P., Der Vatikan und Hitler (München 2004).
Godmans Buch „Der Vatikan und Hitler.“ basiert zu einem großen Teil auf Forschungen in den Vatikanarchiven, die seit Februar 2003 für die Forscher zugänglich sind. Es geht dabei um den Zeitraum vor dem Krieg, also nicht um das Pontifikat Pius’ XII. sondern um jene Jahre, in denen Eugenio Pacelli das Staatssekretariat im Vatikan leitete.
Godman untersucht, wie man in den kirchlichen Behörden den Nationalsozialismus in den Jahren nach 1933 einschätzte. Dabei tritt sicherlich manches neue Detail zutage, in der Gesamtheit wird hingegen das schon bekannte Bild bestätigt: die Kurie war den Nazis alles andere als freundlich gesonnen.
Die zentrale These lautet: Der Vatikan war nicht der monolithische Block mit dem alles entscheidenden Papst an der Spitze, wie v.a. Cornwell und Goldhagen in dargestellt haben. Vielmehr habe es Widersprüchlichkeiten, Konkurrenzdenken und unkoordiniertes Arbeiten in den kirchlichen Behörden gegeben. Eine Verurteilung zentraler nationalsozialistischer Thesen sei dadurch in ihrer Vorbereitung und Veröffentlichung schwierig gewesen. Die Rolle, die Godman in dieser Sache dem österreichischen „braunen Bischof“ Alois Hudal zuweist, ist aber wohl weit überschätzt. Hudal hatte in der Tat wenig Einfluss im Vatikan.
Immer wieder wirft Godman einen ganz speziellen Blick auf Eugenio Pacelli. Sein Bild zeigt einen Kardinal, der von Anfang an ein Nationalsozialismus und Antisemitismus ablehnend gegenüberstand. Kritisiert wird, dass er sich als Diplomat zu sehr auf Proteste „hinter den Kulissen“ beschränkt und eine öffentliche Verurteilung gescheut habe. Daraus eine pauschale Verurteilung zu folgern, lehnt Godman jedoch entschieden ab.
GoldhagenGoldhagen, D. J., Die katholische Kirche und der Holocaust. Ein Untersuchung über Schuld und Sühne (Berlin 2002).
Daniel J. Goldhagen wirft der katholischen Kirche und besonders Papst Pius XII. persönlich heftigen Antisemitismus sowie Mittäterschaft am Holocaust und damit moralisches Versagen vor. Goldhagen unterscheidet dabei nicht zwischen christlichem und nationalsozialistischem Antisemitismus.
Im Besonderen wirft Goldhagen Pius XII. persönlichen Antisemitismus vor. Die angeführten Belege sind jedoch ebenso schwach wie bei Cornwell. In seiner Interpretation geht Goldhagen freilich viel weiter als Cornwell, wenn er behauptet, dass die „Elemente von Pacellis antisemitischer Collage“ denen des Julius Streicher in seinem „Stürmer“ ähneln (S. 64). Auch geht Goldhagen davon aus, dass Beweise für weitere mündliche oder schriftliche antisemitische Äußerungen Pius’ XII. entweder durch „seine Gesprächspartner mit ins Grab genommen“ wurden oder „in den Archiven des Vatikan sicher unter Verschluss gehalten“ werden (S. 64). Für diese Behauptung fehlt jeder Beleg.
Von ihrem grundsätzlichen Antisemitismus, so Goldhagen, hätten die katholische Kirche und besonders Pius XII. sich in ihrem Verhalten gegenüber dem Holocaust leiten lassen und dieses Verhalten habe im Wesentlichen aus Duldung (durch Schweigen), Zustimmung oder gar tatkräftiger Unterstützung! bestanden. Dabei werden sowohl die umfangreichen – und gut dokumentierten – diplomatischen Bemühungen des Heiligen Stuhles zugunsten der Juden als auch die Bemühungen einzelner Christen ignoriert bzw. systematisch in ihrer Bedeutung als halbherzig und verspätet heruntergespielt . Päpstliche Äußerungen, wie die Weihnachtsbotschaft von 1942, werden als „flüchtig, oberflächlich oder verspätet“ oder wegen ihrer „phrasenhaften Unbestimmtheit“ abgetan (S. 57). Auch der Vorwurf, die Kirche habe nur deshalb überhaupt halbherzige Schritte zur Rettung einiger Juden unternommen, um nach dem Krieg nicht als schuldig dazustehen, fehlt nicht. Goldhagen kommt zu dem Schluss, dass aufgrund ihres Antisemitismus „die Kirche, der Papst, die nationalen Kirchen, die Bischöfe und die Priester… während des Holocaust insgesamt gefehlt“ haben (S. 163).
Als Konsequenz fordert Goldhagen im letzten Teil seines Buches materielle, politische, finanzielle und moralische Wiedergutmachung des Schadens. Hier kommt Maßlosigkeit ins Spiel, denn Goldhagen fordert von der katholischen Kirche u.a. die Änderung „zentraler Doktrinen“ der Kirche, die Aufgabe des souveränen Vatikanstaates als politisches Gebilde und die Streichung oder Abänderung einiger hundert angeblich antisemitischer Verse aus dem Neuen Testament.
Das Problem an Goldhagens Buch ist, dass er weder etwas Neues bringt, noch das Alte, schon Bekannte in akzeptabler Form präsentiert. Die Menge an sachlichen und methodischen Fehlern im ersten Teil ist einfach zu groß und die daraus resultierenden Forderungen im zweiten Teil sind zu überzogen, als dass man seinen Beitrag ernst nehmen könnte. Insofern verschärft er den Ton der Debatte um Pius XII. zwar enorm, trägt aber letztlich nichts dazu bei. Die Lektüre ist kein Erkenntnisgewinn.
HochhuthHochhuth, R., Der Stellvertreter (Hamburg 1963).
Der gravierende Einschnitt in der Beurteilung Pius’ XII. und die eigentliche Eröffnung der bis heute andauernden Kontroverse ist das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth, das im März 1963 in Berlin uraufgeführt wird.
Im „Stellvertreter“ werden die Fragen, die seither die Kontroverse um Pius XII. bestimmen, im Wesentlichen alle vorgegeben. Hochhuth folgt dem Ansatz, dass ein öffentlicher Protest des Vatikans gegen den Holocaust Gutes bewirkt hätte. Hitler und die Nazis, so der Grundtenor des Stückes, hätten bei einem entschlossenen Auftreten des Papstes und der katholischen Kirche insgesamt die Vernichtung der Juden nicht in diesem Umfang durchführen können.
Speziell auf die Deportation der römischen Juden bezogen, geht Hochhuth in der Mutmaßung noch weiter. Er geht davon aus, dass ein päpstlicher Protest die vollständige Freilassung aller Verhafteten zur Folge gehabt hätte, also die Verbrechen nicht nur gemindert, sondern hier, in der unmittelbaren Nachbarschaft des Papstes, vollständig gestoppt hätte. Der Papst im „Stellvertreter“ unternimmt jedoch nichts gegen diese Razzia, sondern kommentiert sie nur mit den Worten: „Es ist sehr ungezogen!“ (S. 159).
Hochhuth findet verschiedene Gründe für dieses Verhalten. Zum einen erscheint der Papst als zu weit über den Menschen stehend, als dass ihn das Schicksal der Juden wirklich berühre. Zum zweiten wird er als Großaktionär dargestellt, der sich von wirtschaftlichen und machtpolitischen, nicht aber von humanitären Interessen leiten lässt. Drittens, und das ist der Hauptaspekt, betrachtet die Kurie im „Stellvertreter“ das nationalsozialistische Deutschland als einziges wirksames Bollwerk gegen den das christliche Abendland gefährdenden Kommunismus.
Gerade dieses letzte Motiv, so Hochhuth, verleite den Vatikan dazu, sein Verhältnis zum Deutschen Reich in keiner Weise zu belasten, und daher kündige der Papst weder das Konkordat noch formuliere er öffentliche Proteste gegen die Verschleppung und Vernichtung der Juden. Die Frage, ob dieses Verhalten richtig gewesen sei, beantwortet Hochhuth mit einem klaren Nein. Als Kernaussage seines Stückes bezeichnet er das „Schweigen“ Pius’ XII. explizit als Verbrechen.
„Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, aus Staatsräson, der sich nur einen Tag besinnt, nur eine Stunde zögert, die Stimme seines Schmerzes zu erheben zu einem Fluch, der noch den letzten Menschen dieser Erde erschauern lässt - ein solcher Papst ist… ein Verbrecher.“ (S. 83) An anderer Stelle: „Nichts tun – das ist so schlimm wie mittun.“ (S. 124).
Hochhuth räumt ein, dass die katholische Kirche in vielen Fällen konkrete Hilfe geleistet hat. Doch führt er für dieses Verhalten nur bedingt humanitäre Gründe an. Vielmehr erscheint das Verstecken von Juden in römischen Klöstern als Gewissensberuhigung für die Kirchenoberen und es wird ihnen als Motivation die Hoffnung untergeschoben, dass die versteckten Flüchtlinge möglicherweise aus Dankbarkeit zum katholischen Glauben konvertieren.
Aus welchen Gründen auch immer der Vatikan einzelnen Juden geholfen habe, die Einzelhilfe geht Hochhuth nicht weit genug. Er macht auf die hohe Stellung des päpstlichen Amtes aufmerksam und leitet daraus die moralische Verpflichtung ab, mehr für die Verfolgten zu tun, als tatsächlich geschehen ist. Das Verstecken von einzelnen Flüchtlingen, wie es ja auch andere Menschen in Europa praktizierten, reiche für den Stellvertreter Christi nicht aus. Der Papst, so Hochhuth, habe das Martyrium gescheut. Er habe ohne Wenn und Aber laut protestieren müssen, auch angesichts schlimmster Konsequenzen für die Kirche.
Schließlich ist es der Priester Riccardo, der, stellvertretend für den Papst, diese moralische Verpflichtung der Kirche einlöst. Weil sein Plan, die Verbrechen der Nazis im Namen des Papstes öffentlich zu verurteilen, scheitert, lässt er sich gemeinsam mit den römischen Juden nach Auschwitz deportieren, wo er zu Tode kommt. Im Sinne dieses Eintretens Riccardos für die ihre Pflicht verletzende Institution der Kirche widmet Hochhuth sein Drama zwei katholischen Märtyrern des Dritten Reiches: Pater Maximilian Kolbe und Prälat Bernhard Lichtenberg.
Der „Stellvertreter“ ist kein wissenschaftlicher Beitrag zum Thema, sondern eine literarische Auseinandersetzung. Hochhuth selbst erhebt nicht den Anspruch, ein historisch korrektes Bild entworfen zu haben. In den seinem Stück beigefügten „historischen Streiflichtern“ deutet er diesen Sachverhalt an. Er behauptet aber auch, und das ist ein gewisser Widerspruch, dass „Memoiren, Biographien, Tagebücher, Briefe, Gespräche und Gerichtsprotokolle der Zeit, soweit sie schon zugänglich sind und das Thema berühren, studiert wurden.“ Hieraus folgen Probleme.
Das erste Problem ergibt sich unmittelbar. Denn Hochhuth sagt nur, dass er die ihm zugänglichen Materialien „studiert“, nicht aber, dass er sie auch vollständig für seine Darstellung verwendet habe. Hochhuth dazu wörtlich: „…der Verfasser des Dramas [hat] sich die freie Entfaltung der Phantasie nur so weit erlaubt…, als nötig war, um das vorliegende historische Rohmaterial überhaupt zu einem Bühnenstück gestalten zu können. Die Wirklichkeit blieb stets respektiert, sie wurde aber entschlackt.“ (S. 229). Wie viel Wirklichkeit hier respektiert und wie viel „entschlackt“ wurde, ist bis heute heftig umstritten.
Das zweite Problem ist bedeutender. Unabhängig von der Frage, ob Hochhuth die Absicht hatte, ein historisch korrektes Stück zu schreiben oder nicht, wurde der „Stellvertreter“ in jedem Fall als solches aufgefasst. Es ist gewiss nicht falsch, zu sagen, dass der „Stellvertreter“ das Bild Pius’ XII. in den Köpfen vieler Bundesbürger nach 1963 bis heute wesentlich geprägt hat. Dies ist zum einen sicherlich Folge der Form dieser Veröffentlichung. Ein provozierendes Theaterstück erreicht ein viel größeres Publikum als eine wissenschaftliche Arbeit. Zum anderen wird der Zuschauer durch den Inhalt des Stückes aufgefordert, sich mit der jüngsten Vergangenheit Deutschlands zu beschäftigen - in den 60er Jahren gewiss ein großes Bedürfnis vor allem der jüngeren Generation. Schuldverdrängung wird hier auch eine Rolle spielen.
RaddatzRaddatz, F. (Hrsg.), Summa iniuria oder durfte der Papst schweigen? Hochhuths „Stellvertreter“ in der öffentlichen Kritik (Hamburg 1963).
Raddatz bietet eine Auswahl von Artikeln, die auf die Veröffentlichung von Hochhuths "Der Stellvertreter" 1963 folgten. Die Artikel stammen z. T. aus der Tagespresse, z. T. auch aus Zeitschriften und sind mit Quellenangaben versehen.
Dadurch gelingt es leicht, einen ersten Überblick über die sog. Hochhuthdebatte und deren anfängliche Schärfe zu erhalten. Ebenso ist festzustellen, dass bereits kurz nach Erscheinen des Theaterstückes die wesentlichen Positionen aufgezeigt werden, die auch in der heutigen Debatte bestimmend sind.
SánchezSánchez, J. M., Pius XII. und der Holocaust, Anatomie einer Debatte (Paderborn u.a. 2002).
Eine sehr gute Beurteilung der bisherigen Debatte um Pius XII. Sánchez bemängelt dabei, daß die Debatte in gewisser Weise festgefahren sei. Viele Autoren starteten ihre Untersuchung von einer vorgefaßten Meinung aus, um diese dann anhand der Quellen zu belegen. "Nur wenige... gehen von einer unvoreingenommenen Position aus." (S. 49).
Im Hauptteil des Buches setzt sich Sánchez mit den zahlreichen Thesen auseinander, die im Laufe der Zeit für das Verhalten Pius' XII. vorgetragen wurden. Er weist die Überlegung, Pius XII. sei persönlich antisemitisch eingestellt gewesen, entschieden zurück. Stattdessen findet er wichtige Ursachen für das Handeln des Papstes 1. in seiner Verantwortung für die Katholiken im deutschen Machtbereich, 2. in seinem unbedingten Willen, die Neutralität des Vatikans zu wahren, um evtl. später als Friedensvermittler agieren zu können, 3. in seiner Befürchtung, durch einen öffentlichen Protest die Situation der Verfolgten nur zu verschlimmert.
Das Buch ist deshalb ein hilfreicher Beitrag zur Diskussion um Pius XII., weil es Sanchez gelingt, neutral und fair zu schreiben. Er behandelt nicht nur Pius XII. fair, indem er ungerechtfertigte Beschuldigungen als solche zurückweist, sondern er behandelt auch die Kritiker des Papstes fair, indem er deren Anfragen nicht übergeht, sondern sie neutral anhand der Quellen überprüft. Eine weitere Stärke ist die Vorsicht des Autors, endgültige Schlüsse zu ziehen. Wo die Beweislage nicht klar ist – und das ist in diesem Themenkomplex oft der Fall - gibt er sich keinen Spekulationen hin, sondern lässt im Zweifelsfall die Entscheidung offen.
© 2005