In der Nachkriegszeit ist ein aus heutiger Sicht eher verwunderliches Phänomen zu beobachten: Bis zum Ende der 50er Jahre wird das Verhalten Pius' XII. in keiner Weise kritisiert. Im Gegenteil: Es kommt des Öfteren zu Dankbekundungen durch jüdische Gruppen, Delegationen und Einzelpersonen.
Hier ein Beispiel: Am 29. November 1945 empfängt Pius XII. in einer Sonderaudienz eine jüdische Gruppe, die gekommen ist um „…dem Heiligen Vater persönlich für seine Großzügigkeit zu danken, die er ihnen gegenüber gezeigt hat, als sie während der schrecklichen Zeit des Nazifaschismus verfolgt wurden.“ (Vgl. l´ Osservatore Romano vom 30.11.1945). Weitere Ereignisse dieser Art sind gut belegt.
Die Kondolenzschreiben zum Tode Pius’ XII. werden in diesem Zusammenhang ebenfalls oft erwähnt. Einige von ihnen würdigen das Verhalten des Verstorbenen den Juden gegenüber. Besonders oft wird das Schreiben der israelischen Außenministerin Golda Meir zitiert, in dem es u. a. heißt: „Als in dem Jahrzehnt des Nationalsozialistischen Terrors unser Volk ein schreckliches Martyrium überkam, hat sich die Stimme des Papstes für die Opfer erhoben.“ Diese Dokumente sollte man jedoch nicht überbewerten. Wer kritisiert in einem Kondolenzschreiben schon das Verhalten des Verstorbenen?
Erstaunlicherweise kippt diese positive Beurteilung des Pontifikates Pius' XII. recht schnell nach dessen Tod. Man mag spekulieren, ob das u.a. Folge der viel offeneren Amtsführung des Nachfolgers Johannes XXIII. und damit einer neuen Wahrnehmung des Papstamtes in der Öffentlichkeit ist. Nach dem Tod Pius' XII. 1958 vergehen jedoch noch fünf Jahre, bis die zunächst verhaltene Kritik laut formuliert wird.
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